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Die Gottesanbeterin |
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Seite 1 |
Wie
alle Männchen seines Volkes, die bei der Genanalyse gut abgeschnitten
hatten, und das waren regelmäßig etwa fünf Prozent eines Jahrgangs,
wurde er die ersten sechs Lebensjahre gesäugt. Er war ein durchaus
ansehnliches Exemplar seiner Spezies. Er hatte gute gesunde Gene, war mit
einer ausgezeichneten Gesundheit gesegnet, und war die letzten zwölf
Jahre seiner Entwicklungszeit sehr gut ausgebildet worden, in allen Künsten
war er bewandert, seine sportlichen Leistungen gaben zu großen Hoffnungen
Anlass, seine Lehrerinnen lobten ihn einhellig. Jetzt würde es sich
entscheiden, ob er die nächsten zehn Jahre seines Lebens, und das waren
auch definitiv die letzten, die ihm bestimmt waren, den Künsten widmen,
sich als Forscher betätigen, oder herausragende sportliche Leistungen
erbringen würde.
Das
war die eine Alternative. Die
andere Alternative lautete, einer von zwölf in jedem Jahreslauf zu sein,
die der Königin vermählt werden, seine Gene mit den Genen der großen Königin
zu mischen und dadurch zu höchsten Ehren zu gelangen, unsterblich in der
Erinnerung seines Volkes zu werden. Das
war es, was jedes männliche Exemplar der Spezies anstrebte, sich in
seinem Volke zu verewigen, seine Gene weiterzutragen und damit quasi
unsterblich zu werden.
Heute
war der große Tag der Entscheidung. Seit dem Morgengrauen warteten 240 Männchen
ungeduldig auf das Urteil der Mütter.
Endlich
war es soweit. Drei Jungfrauen traten aus dem Palast hervor und verlasen
mit heller Stimme das Ergebnis. Zehn Männchen waren bereits erwählt
worden und wurden ins Schloss geleitet. Wieder
ein Jubelschrei, sein Nachbar war erwählt worden. Nur noch eine Chance für
ihn in diesem Leben. Er hoffte sosehr dazu zu gehören. Wieder
ertönte ein Name. Er konnte es zunächst nicht glauben, sein Name wurde
aufgerufen. Er konnte sein Gefühl nicht beschreiben, dieser Stolz, dieses
Glücksgefühl, dieser herrliche Triumph, auserwählt zu sein.
Zweihundertachtundzwanzig
Enttäuschte verließen den Hof. Ihnen wurde dann mitgeteilt, wozu sie
ausersehen waren. Die
zwölf Glücklichen bekamen jeder eine weiße Toga und wurden von den
Jungfrauen in einen Raum mit zwölf Liegen geleitet. Sie durften diesen
Raum nur noch verlassen, wenn es an der Zeit war, zu der Königin gerufen
zu werden.
Sie
bekamen die erlesensten Speisen und Getränke. Ihre Körper wurden jeden
Tag massiert und gesalbt. Musik und Gesang erfreute ihre Seele. Ihre
Erwartung stieg immer auf den Siedepunkt, wenn die Zeit gekommen war. Dann
öffneten sich die Türen ihres ansonsten hermetisch verschlossenen
Raumes, drei Jungfrauen schritten auf einen aus ihren Reihen zu, nahmen
ihn bei der Hand und unter dem neidvollen Blicken der anderen wurde ihm
ein violetter Mantel umgehängt. Dann verließ er mit den Jungfrauen den
Raum und kehrte nicht mehr zurück. Gerüchte
wollten wissen, das sie der Oberen Mutter ihr gesamtes Leben zu Diensten
sein würden, viel länger als die dreißig Jahre, die einem gewöhnlichen
Männchen beschieden waren.
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