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Mount Hagen

 

Mount Hagen

 

 

Ich hatte schon die ganze Nacht eine Unruhe in mir. Ich wusste irgendetwas würde schief gehen. Fragt mich nicht was.

Meinen Truck hatte ich gestern Abend im Depot geparkt und Chikondo gesagt, er solle Öl auffüllen und die Bremsen nachstellen. Meistens konnte man sich darauf mehr oder weniger verlassen, und ich hatte früh immer noch einmal Alles kontrolliert.

Heute war ich spät dran, nun gut ich war gestern Abend noch etwas versackt, hatte den einen oder anderen Scotch getrunken, und mir fehlte auch ein wenig der Schlaf.

Ich war spät dran, musste noch eine Ladung Eisenträger in Murangi abliefern und dann leer zur Mine nach Mount Hagen fahren. Einhundertdreißig Kilometer auf den abenteuerlichsten Schlammpisten, die man sich vorstellen kann. Es hatte die letzten Tage ergiebig geregnet, etwas früh noch für die Regenzeit, aber die Piste würde entsprechend aussehen. Außerdem hatten etliche Fahrer berichtet, das die Asmat wieder unruhig wurden. Mehrfach waren Trucks mit Pfeilen beschossen und mit Speeren beworfen worden. Drei oder vier LKW war samt den Fahrern spurlos verschwunden. Das Schicksal der Fahrer mochte ich mir lieber nicht ausmalen. Wahrscheinlich würden ihre Köpfe jetzt irgendeinen Hausgiebel der Asmat schmücken. Die Asmat waren die berüchtigtsten Kopfjäger und Kannibalen in diesem Teil Papua-Neuguineas. Ich konnte die Eingeborenen verstehen, die Piste war ohne Rücksichten durch ihr Siedlungsgebiet geschlagen worden. Aber ich hatte nicht die Absicht, mich von ihnen zum Abendessen einladen zu lassen. Das war so der sarkastische Humor von uns Truckern, es hieß einfach, man selber würde dann das Hauptgericht abgeben.

 

Es regnete ununterbrochen, die Wischer schafften kaum die Wassermassen. Die Piste war bodenlos schlammig und mein Truck schwamm wie eine bleierne Ente auf dem roten Lehm. Ich fuhr im Schritt-Tempo und die schwere Maschine schaffte mit ihren Pferdestärken immer wieder auf der Strecke zu bleiben. Ich wischte mir den Schweiß von der Stirn, es war unerträglich schwül. Mein Hemd und meine Khakihose waren völlig durchgeschwitzt. Ich hoffte nur, das nirgendwo ein Hindernis die Straße blockierte, denn wen ich einmal stand, würde ich nicht mehr vorwärts kommen, der Truck würde sich nur tief in den Schlamm wühlen. Als hätte ich es beschworen, blockierte vor mir ein Padangbaum eine Seite der Spur. Mit viel Glück würde ich vorbeikommen. Ich stieß einen wüsten Fluch hervor. Hatte das jetzt sein müssen?

Ich kurvte vorsichtig auf das Hindernis zu. Dann lenkte ich extrem nach links und versuchte mit meiner Maschine vorbeizukommen. Der Motor heulte laut auf, Schlammfontainen spritzten empor als wir uns sachte an dem Hindernis vorbei mogelten.  Ich wischte mir den Schweiß von der Stirn und seufzte erleichtert auf. So jetzt wieder nach rechts lenken und weiter.

Doch vor mir war nichts. Die Piste machte einen scharfen Schlenker und der Truck rollte auf einen Abgrund zu. Ich muss käseweiß geworden sein, der Wagen rutschte, während ich mit aller Macht auf der Bremse stand. Oh Gott, mir rutschte das Herz in die Hose, sollte das das Ende sein? Ich spulte alle Gebete herunter, die mir einfielen. Plötzlich ein Ruck, die Vorderachse krachte herunter und der Truck saß auf der Bodenplatte. Er blieb stehen, mein Fahrerhaus hing halb über dem Abgrund und ich knallte mit der Stirn gegen die Frontscheibe. Benommen hockte ich da. Was jetzt? Ich musste schleunigst die Basis anfunken, um Hilfe zu holen. Und dann blieb mir nichts anderes übrig, als in der Konservendose meines Fahrerhauses zu warten. Entsetzt wurde mir der Doppelsinn meiner Gedanken klar. Für die Asmatis würde es ja so aussehen, Konservendose mit nahrhaftem  Inhalt. Ich schüttelte mich, keine zehn Pferde würden mich hier freiwillig herausbringen. Ich nahm das Funkgerät, das auf den Boden gefallen war, drückte auf die Ruftaste, nichts, nur ein monotones Rauschen. Ich drückte wieder und wieder, nichts. Zufällig fiel mein Blick auf die Ladeanzeige, die Batterien waren leer. Ich war sicher, gestern frische Batterien hineingetan zu haben, sollte Chikondo sie geklaut haben? Diese Kerle konnten Alles brauchen. Siedendheiß fiel mir ein, das er ein Asmati war, getauft zwar und seit zwei Jahren auf der Missionsstation erzogen, aber immer wieder verschwand er für ein paar Tage im Dschungel bei seinen Brüdern. War das ganze eine Falle? Ich musste mir Gewissheit verschaffen, hier drinnen würde ich verrückt werden. Es konnte zwei drei Tage dauern, bis der nächste Transporter vorbeikäme, manchmal, wenn der Regen zu arg wurde, auch einmal zwei Wochen.

Scheiße, scheiße, scheiße!!!

 

Ich nahm mir den Hebel des Wagenhebers, eine massive Eisenstange und kletterte vorsichtig aus meiner Kabine. Sofort versank ich bis über die Füße im Schlamm. Ich bückte mich und sah, das die Bodenplatte vorne völlig aufsaß. Vorsichtig bei jedem Schritt tapste ich zum Hindernis. Entgeistert sah ich, das der Baum niemals von alleine umgefallen war, deutliche Spuren von Axthieben, doch eine Falle. Was konnte ich tun? Das beste war, mich in der Kabine zu verbarrikadieren, und auf schnelle Hilfe zu hoffen. Ich hatte etliche Flaschen Wasser dabei, aber kaum etwas zu essen. Na ja, das war nicht so schlimm. Ich war kräftig gebaut und konnte einige Tage überstehen. Mit diesen schönen Aussichten im Sinn drehte ich mich um und wollte zum Truck zurück marschieren.

 

Wie aus dem Boden gewachsen standen plötzlich fünf Krieger vor mir. Mit offenem Mund starrte ich sie an, sie starrten zurück.

Sie waren etwa einen Kopf kleiner als ich, hatten krause filzige Haare, waren ziemlich mager und bis auf einen schmalen Fetzen Stoff der gerade den Penis bedeckte und dann um die Hüften geschlungen war nackt.

Die Männer hoben ihre Speere in meine Richtung und begannen mich zu umkreisen. Ich hatte in diesem grundlosen Matsch mit meinen schweren Stiefeln einen schlechten Stand. Ich strauchelte, konnte mich nicht mehr halten und lag wie ein gestrandeter Käfer auf dem Rücken. Blitzartig reagierten die Krieger und mindestens drei Speere hingen drohend über mir, ihre Spitzen ritzten beinahe meine Haut. Ich sah ihr Grinsen, sie bleckten ihre Zähne. Ihre schwarzen Augen betrachteten mich interessiert zentimeterweise von oben bis unten. Mir schienen ihre Blicke immer gieriger zu werden. Immer dichter rückten sie an mich heran, ich konnte schon ihren üblen Atem und ihre Schweißausdünstungen riechen, und plötzlich verspürte ich einen Schlag am Schädel und mir riss der Faden.

 

Mein Schädel brummte, als ich erwachte. Ich wollte mich aufrichten, konnte mich aber nicht bewegen. Meine Hände und meine Füße waren gefesselt. Ich lag eingezwängt in einem ziemlich engen und niedrigen Holzkäfig. Mehrere unbeschreiblich schmutzige, nackte Halbwüchsige, Jungen und Mädchen hatten sich um mein Gefängnis herumgekauert. Sie betrachteten mich interessiert. Die Mädchen musterten meinen nackten Körper und kicherten.  Sie schnatterten aufgeregt durcheinander und versuchten mich mit kleinen Zweigen zu Ärgern. Während ich vergeblich versuchte meine Blöße zu bedecken, was die Mädchen zu immer neuen Kichereien veranlasste, hatte einer der Burschen seinen Arm durch die Gitterstäbe gesteckt und fing an mich zu betasten. Seine Finger glitten über meinen Leib und zwickten in mein Fleisch. Ich schrie auf, als seine Finger zu dreist wurden und versuchte mich zur Seite zu drehen. Plötzlich sprangen die Kinder auf und hasteten davon.

 

Der Käfig wurde geöffnet und zwei paar Hände zerrten mich heraus. Ich blickte empor und sah in das über beide Ohren grinsende Gesicht Chikondos. Neben ihm stand ein älterer, kleiner, hagerer Mann, der bis auf seinen Schurz nackt war, während Chikondo zerrissene Shorts und ein schmutziges T-Shirt am Körper hatte.

 

Erleichtert begrüßte ich Chikondo und bat ihn, mir die Fesseln abzunehmen und dem Alten zu erklären, dass ich ein Freund sei.

 

Chikondo grinste weiterhin über beide Ohren, beugte sich über mich, klopfte mir auf meinen Bauch und sagte grinsend:

„Ich habe gestern die Batterien aus deinem Funkgerät wieder entfernt, und habe meinen Brüdern auch geholfen den Baum zu fällen. Ihr Weißen schaut doch immer nur auf uns herunter, wie kannst du da von Freund reden. Ich darf die Drecksarbeit für euch machen und ihr verseucht unser Land mit euren Giften. Die Fische im Fluss sind entweder tot oder machen unsere Kinder krank. Euren Reis verkauft ihr uns teuer, jagt unser Wild mit euren Gewehren. Schau dir unsere Kinder, unsere Frauen, meine Brüder an. Es ist nicht schön, sein ganzes Leben lang zu hungern. Du bist ganz schön fett, da wäre es doch dumm, dich wieder laufenzulassen. Die anderen Fahrer haben ausgezeichnet geschmeckt, ihre Köpfe hängen dort drüben am Giebel. Wir werden dich auch schlachten, damit meine Brüder wieder einmal gutes Fleisch zu essen bekommen. Außerdem wird dein Kopf mein Haus schmücken. Ich werde heiraten und mir ein schönes Haus bauen.

 

Er redete mit einem heftigen kurzen Wortschwall auf den Alten ein, der nur hin und wieder ein Wort einwarf, nickte und zum Schluss grinste.

 

„Morgen wirst du geschlachtet. Mein Vater,“ er deutete auf den Alten, „hat entschieden, dass du fett genug bist. Er hat Appetit auf deine Lendchen. Seine Zähne sind nicht mehr die besten, so dass er zartes Fleisch braucht. Ich für meinen Teil bevorzuge die Schinken, da ist am meisten dran, hihi“ kicherte er und kniff mir ins Gesäß.

 

Wie gelähmt lag ich da, nachdem Chikondo mich wieder in den engen Käfig gesteckt hatte. Meine Fesseln saßen straff, kein Gedanke daran, mich selbst befreien zu können. Jetzt konnte mich nur noch ein Wunder retten. Wenn sie mich überhaupt schon vermissten, würde frühestens morgen früh ein Truck in Bewegung gesetzt, der die Strecke abfahren und nach mir suchen würde. Ich hatte keine Ladung dabei, das hieß kein Verlust für die Bergwerksgesellschaft. Menschen waren hier nicht viel wert. Sie waren ersetzbar. Wenn der Truck vollgeladen gewesen wäre, würde schon bald ein Hubschrauber auf der Suche sein, aber so?

 

 Ende

 

 

 

email Download web design: web n´fun      1. Juli 2006